Ein Dorf wird zum Labor

Veröffentlicht am: 29.08.2012
Quelle: Westfälische Nachrichten
Autor: Alfred Riese

Saerbeck - Strom könnte viel billiger sien, und man bräuchte weniger Kraftwerke – wenn nicht alle Bürger etwa zur gleichen Zeit kochen, spülen, fernsehen und Wäsche waschen würden. Dass bewusstes Energieverhalten wirklich etwas bringt, möchte das Wissensmagazin „Kopfball“ am 7. September in Saerbeck beweisen.

Man kennt es vom Bundesliga-Finale oder dem Straßenfeger-Tatort: In der Halbzeitpause oder nach der Schlussmusik rauscht durch ganz viele Toiletten gleichzeitig das Wasser. Der Druck in den Leitungen kann sinken, es dauert länger, bis der Spülkasten wieder voll ist.
Solche Verbrauchsspitzen gibt es auch beim Strom, etwa, wenn viele Wasch- und Geschirrspülmaschinen synchron nach dem Abendessen eingeschaltet werden und der Fernseher läuft. Der Unterschied zum Wasser: Das Stromnetz muss jederzeit die höchste Verbrauchsspitze bedienen können, der „Druck“ muss immer gleich bleiben. Dafür werden Kraftwerke und Leitungsnetz ausgelegt. Und das kostet.

Können Haushalte diese teuren Stromspitzen tagsüber plätten, indem sie erst spätabends und nachts die Stromfresser in Gang setzen? Die ARD-Wissenschaftssendung „Kopfball“ will diese Zuschauerfrage in einem Feldversuch klären – in der Klimakommune Saerbeck, 24 Stunden lang ab Freitag, 7. September, 10 Uhr. Am Mittwoch rührten Bürgermeister Wilfried Roos, Guido Wallraven und Marlies Grüter als Vertreter des Projekts Klimakommune und Diplom-Ingenieur Ralf Sörgel vom Stromnetzbetreiber Saer­VE die Werbetrommel. „Je mehr Haushalte mitmachen, desto deutlicher wird das Ergebnis“, warb Roos.

„Bei Klimafragen ist man in Saerbeck immer richtig“, scherzte Marlies Grüter auf die Frage, warum dieser Feldversuch ausgerechnet im kleinen Dorf stattfindet soll. Tatsächlich bietet das Dorf neben seinem Ruf als NRW-Klimakommune exzellente Voraussetzungen für das Experiment. Nämlich ein abgegrenztes Stromnetz, in dem die Saerbecker Ver- und Entsorgungsgesellschaft (Saer­VE), ein gemeinsames Unternehmen der Gemeinde und der Stadtwerke Lengerich (SWL), den Gesamtstrombedarf genau messen kann. Und eine Bevölkerung, in deren Köpfen das Thema Energie angekommen ist, wie Marlies Grüter findet.

Jetzt geht es für die Gemeinde darum, möglichst viele Menschen zum mitmachen zu bewegen. Deshalb der Aufruf: „Am Freitag, 7. September, die großen Stromverbraucher im Haushalt bitte erst ab 21 Uhr und dann möglichst spät einschalten.“ Gemeint sind unter anderem Waschmaschinen, Geschirrspüler oder Wäschetrockner.

Das Kopfball-Team steht an diesem Tag ab 9.30 Uhr auf dem Wochenmarkt und gibt um 10 Uhr den Startschuss für den Feldversuch im Dorf. Das Ergebnis wird bereits am Samstagmittag erwartet. Dann soll sich zeigen, ob es möglich ist, mit intelligenter Nutzung von Elektrizität die Kosten für Stromnetze und –erzeugung besser im Zaum zu halten. Denn: „Ohne die Spitzenverbräuche können Kraftwerke abgeschaltet werden, teure Leitungen werden überflüssig, Strom könnte günstiger sein“, wie Klimakommune-Koordinator Guido Wallraven erklärt.