Wie Bauernsohn Josef Meier vor mehr als 90 Jahren Saerbecks erstes Windrad baute - Der Windkraft-Wegbereiter
Saerbecks erstes Windrad drehte sich vor über 90 Jahren – erst mal in Emsdetten. Ausgedacht und aufgebaut hat es ein Bauernsohn aus Saerbeck, der damals ganz und gar nicht freiwillig nach Detten ging. Das heißt, gehen konnte er ja gar nicht, weil ein Heißsporn ihm mit einer Jagdflinte ins Bein geschossen hatte, und deshalb brachten sie ihn mit dem Pferdewagen ins Emsdettener Krankenhaus.
Am 30. November 1890 wurde Josef Meier auf dem Bauernhof seiner Eltern, Dorfbauerschaft 11, als drittes von fünf Kindern geboren. Schon früh fiel sein Hang zu Technik und Tüftelei auf. „Der hatte immer was zum Basteln und Werkeln“, erinnert sich seine heute 86 Jahre alte Nichte Else Prinz, und erzählt, wie ihr Onkel Josef einmal für seinen kleinen Bruder aus zwei alten Spinnrädern ein Laufrad baute.
Nach der Volksschule blieb Josef auf dem elterlichen Hof, den er 1912 verließ, weil sein Onkel gestorben war; er sollte seiner Tante und ihren vier Töchtern auf dem Hof in Ostbevern aushelfen. Dort kam es schon bald zu diesem folgenschweren Schuss. Ob es die „Piggenbruut“, die Hoferbin, war oder eine der Töchter – die Verehrer jedenfalls ließen nicht lange auf sich warten. Mit einem der jungen Männer, der Jäger war und zufällig sein Gewehr dabei hatte, zankte Josef sich, und bei der Rangelei löste sich der Schuss, der Josef in den Unterschenkel traf. Schwer verletzt schleppte er sich zunächst nach Saerbeck zurück, um sich dann in Emsdetten operieren zu lassen. Die Schussverletzung aber war so arg, dass die Ärzte lange kämpfen mussten, um das Bein zu retten. Zurück blieben nicht nur Narben, sondern auch ein verkürztes Bein, weshalb Josef sich immer gleich mehrere Absätze unter die Sohle nagelte.
Wie er nun dalag und auf seine Genesung wartete, erfuhr er, dass die Krankenhausleitung einen Land- und Hausverwalter suchte. Er bewarb sich, wurde genommen und trat ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs seinen Dienst an. Als vier Jahre später in der Versailles der Friedensvertrag geschlossen war und sich die wirtschaftliche Lage besserte, machte Josef Meier sich Gedanken, wie er den wartungsintensiven Sauggasmotor (damals hieß das schnaufende Ungetüm auch spöttisch „Sau-Gasmotor“) durch eine andere Kraftquelle ersetzen könne. Kraftstrom gab es damals im Krankenhaus noch nicht. „Ich weiß nicht, wie er auf die Windturbine gekommen ist“, sagt Else Prinz, „ich weiß nur, dass er damals viel herumgefahren ist, bis an den Niederrhein.“
Mit seinen Brüdern setzte Josef Meier anschließend das wo auch immer Gesehene um und bastelte ein Windradmodell. Das tatsächlich Strom produzierte. Was im Kleinen funktioniert, das tut’s auch im Großen, dachte sich der Tüftler und erzählte der Krankenhausverwaltung von seinem Plan. Die ließ ihn zwar gewähren, traute dem ungelernten Bauernsohn jedoch herzlich wenig zu; und Geld kriegte er auch nicht. Dafür aber von Bauer Lintel acht Tannen, die er für seinen Turm fällen durfte. Zimmerleute halfen ihm, das 24 Meter hohe Gerüst aufzustellen, eine 20 Meter lange Eisenleiter schmiedete der Saerbecker selber; auch die 16 Flügel aus Leichtmetall schnitt Josef Meier selbst zurecht. Das Getriebe goss ihm eine Eisengießerei und endlich, drehte sich nach anderthalbjähriger Bauzeit das wahrscheinlich erste Windrad weit und breit.
Aber nicht sehr lange. Keine zwei Jahre später fegte ein gewaltiger Sturm übers Land, riss die Rosette ab und schleuderte sie zu Boden. Das nahm die Krankenhausleitung zum Anlass, sich von den Stadtwerken eine Starkstromleitung legen zu lassen; die Windturbine wurde nicht mehr repariert. „Wenn das Windrad geht, dann geh ich auch“, soll der tief enttäuschte Windkraft-Pionier daraufhin gesagt und gleich gekündigt haben.
Also baute er die Anlage ab. Zerlegte das Gerüst und stellte die Turbine mit Hilfe seiner Brüder auf dem elterlichen Hof in Saerbeck wieder auf. Dort trieb die Windturbine fortan eine Kreissäge, die Häckselmaschine, eine Schrotmühle und den Spitzdrescher an.
Erzählen ließe sich auch noch, wie Josef Meier Saerbecks erste Hühnerfarm errichtete, Bienenzüchter wurde und aus einem Weinfass eine Honigschleuder baute und wie er Saerbecks erste Zeitschalt-Uhr erfand (die mit Hilfe eines Weckers und einer Schnur wintertags im Stall rechtzeitig das Licht anknipste).
Das Aus für die Turbine kündigte sich 1935 an. Da war das Gerüstholz morsch geworden, und Josef Meier entschied sich für einen Neubau aus Eisen; das Geld reichte aber nur für einen halb so hohen Turm. Und dem nehmen die hohen Eichen auf dem Hof auch noch den Wind weg. Noch einmal zog Josef mit seinem Windrad um: zu seinem Bruder August, der am Kanal gesiedelt hatte. Dort drehe sich das Rad noch gut fünf Jahre, bis 1940 ein Novembersturm die Anlage so stark beschädigte, dass an eine Reparatur nicht mehr zu denken war.
Mit 50 Jahren fand Josef Meier doch noch eine Frau und heiratete in Ostbevern in eine Lohndrescherei ein. Saerbecks Windrad-Wegbereiter starb am 8. September 1963. Und es sollten noch fast 50 Jahre vergehen, bis sich in Saerbeck wieder Windräder drehten.